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| Fahrräder und Fahrradindustrie in den Niederlanden | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Der folgende Artikel stellt einen geschichtlichen Überblick zur Entwicklung des Fahrrads und der Fahrradproduktion in den Niederlanden dar. Der Artikel wurde auch in zwei Teilen im "Knochenschüttler" abgedruckt, dem Vereinsblatt des Historische Fahrräder e.V. Die
Anfänge
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Tabelle 1: Übersicht ausgewählter niederländischer Fahrradfabriken
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| England als Vorbild Wie in anderen Ländern auch, fungierte anfangs die englische Fahrradindustrie als Vorbild. Holländische Händler importierten Fahrräder und Zubehör aus dem ‚Mutterland‘ der industriellen Fahrradfertigung, und die Hersteller orientierten sich an englischen Vorbildern. Erst in den 1920er-Jahren begannen holländische Hersteller, stolz mit "Nederlandsch Fabrikaat" zu werben, und die meisten Marken strebten nun nicht mehr danach, Fahrräder herzustellen, die genau wie die englischen Vorbilder aussahen. Neben dem so erfolgreichen Import englischer Fahrräder gab es auch umfangreiche Einfuhren aus Deutschland und - in der Anfangszeit - den Vereinigten Staaten, wie sich anhand alter Anzeigen erkennen lässt.
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| Das
Hollandrad stellte zunächst also eine vollständige Kopie des englischen Vorbilds dar,
bildete dann aber im Verlauf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einige eigene
Merkmale aus. Die zu Grunde liegende konservative Haltung sowohl der niederländischen
Fahrradhersteller als auch der Fahrradkäufer ist - wenn auch abgeschwächt - bis heute
wirksam. Diese Haltung hat ihre positiven Seiten. So wissen Holländer auch heute noch den
Wert eines langlebigen Qualitätsrades zu schätzen und sind bereit, dafür auch beim Kauf
durchschnittlich mehr Geld aufzuwenden als beispielsweise die deutschen Käufer.
Andererseits geht damit auch einher, dass niederländische Fahrradhersteller und Erfinder
im internationalen Vergleich kaum etwas zur Weiterentwicklung des Fahrrades beigetragen
haben. Zwei weitere Merkmale, die es für das Verständnis der Entwicklung des Hollandrades zu beachten gibt, sind die „fahrradfreundliche“ niederländische Topographie, in der Steigungen fast völlig fehlen, und ein gut ausgebautes, dicht geknüpftes Straßennetz. Hinzu kommt eine außergewöhnlich hohe Akzeptanz des Fahrrades in praktisch allen Bevölkerungsschichten; von Anfang an und bis heute durchgehend wird das Fahrrad in den Niederlanden ohne ideologische Färbung als alltägliches Verkehrsmittel akzeptiert und genutzt; die Verbreitung des Autos ging hier nicht so stark zu Lasten der Fahrradnutzung wie in anderen Ländern. Zurück zu den Anfängen des Hollandrades. Um 1900 hatte sich nach englischem Vorbild die einheitliche Laufradgröße 28 x 1 1/2" (635 mm Felgendurchmesser, 40 mm Reifenbreite) für schwere, solide Alltagsräder durchgesetzt. Daran sollte sich im Wesentlichen bis in die 1950er-Jahre nichts ändern - im Gegensatz zu England, wo dieser Fahrradtyp im Laufe der 1920er-Jahre seine dominierende Position verlor, dies zugunsten kleiner und schmäler bereifter, leichterer Fahrräder.
Ein
holländisches Herrenrad hatte, wie in anderen Ländern auch, einen Diamantrahmen, bei den
Damenrädern gab es anfangs sowohl den Schwanenhalsrahmen, der in Deutschland lange Zeit
die Grundform darstellte, als auch den englischen ‚loop frame’, wie er heute
noch beim ‚typisch holländischen’ Nostalgie-Damenrad üblich ist. Zwischen 1900
und 1920 setzte sich diese Form des Damenradrahmens endgültig durch. Luxuriöse Räder
wurden besonders zwischen 1900 und 1910 auch mit unterschiedlichen Kreuzrahmenformen nach
englischem Vorbild geliefert.
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Die holländische
Fahrradindustrie wird ‚erwachsen‘In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als in Deutschland die Währung ständig an Wert verlor, versuchten deutsche Fahrradfabriken offenbar, verstärkt Fahrräder im benachbarten Holland mit seiner stabilen Währung abzusetzen. Das inflationsbedingte Währungsgefälle ermöglichte dabei günstige Preise, und entsprechend litt der Absatz der niederländischen Fahrradhersteller. Die Währungsreform 1923 beendete diese in der Branche äußerst unbeliebte Konkurrenz. Im Laufe der 1920er-Jahre wurde die niederländische Fahrradindustrie insgesamt stärker und eigenständiger. Der Anteil der Radfahrer an der Gesamtbevölkerung stieg deutlich, und damit auch der Absatz an Fahrrädern. Fast alle namhaften Herstellerfirmen entstanden vor 1930 bzw. begannen mit der Fahrradproduktion. Die „Großen Vier“ der holländischen Fahrradgeschichte - Burgers, Fongers, Simplex und Gazelle - hatten sich inzwischen etabliert, und es gab ein umfangreiches Angebot großer und kleiner Marken. Niederländische Fabrikate hatten nun auch in der Wahrnehmung der holländischen Käufer qualitativ mit der ausländischen Konkurrenz gleichgezogen. Die Hersteller konnten mit der Solidität und Zuverlässigkeit des einheimischen Produkts werben. Das Angebot an Fahrradmodellen war bis Ende der 1920er-Jahre jedoch wenig abwechslungsreich. Das ist nicht verwunderlich, denn es ging in dieser Zeit im Wesentlichen nur darum, dass die Bevölkerung mobil werden wollte. Für den Alltagsgebrauch gab es die Herren- und Damenräder in der oben beschriebenen Ausrüstung mit 28 x 1 1/2"-Bereifung. Daneben gab es Transport- und Diensträder sowie - bei den größeren Herstellern - Kinder- und Rennräder. Fahrräder in einer anderen Farbe als Schwarz gab es kaum.
Charakteristische Unterschiede zwischen niederländischen und englischen Fahrrädern waren, neben der Rahmengeometrie, die mit dem so genannten ‚Moleskin‘ („Maulwurfshaut“; ein sehr dicht gewobener Baumwollstoff) bespannte Vollschutz-Kettenabdeckungen, während englische Fahrräder zumeist mit geschlossenen Ölbad-Blechkettenkästen ausgerüstet waren. Holländische Fahrräder wurden außerdem überwiegend mit soliden, schweren Thompson-Tretlagern mit Einpressschalen (Durchmesser 45 mm) ausgestattet; englische Fahrräder hatten häufiger BSA-Lager mit Schraubschalen. Gemeinsam blieb holländischen und englischen Rädern dabei immer die Befestigung der Tretkurbeln mit Keilen auf der Welle, im Gegensatz zu deutschen Rädern, bei denen für einige Jahrzehnte das Glockenlager mit aufgepressten Tretkurbeln dominierte.
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Ein
frischer Wind
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Wie bringt man den
Radfahrern im flachen Holland die Notwendigkeit guter Bremsen näher? |
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| Ab Ende der
1920er-Jahre wurde auch das Angebot an Fahrradtypen und Rahmenformen vielfältiger, wohl
nicht zuletzt unter Einfluss der Weltwirtschaftskrise. So nahmen immer mehr Hersteller
schwarze "All-Weather"-Räder und Dienst- bzw. Halbtransportfahrräder in ihr
Sortiment auf, der Verkauf schwerer Lastendreiräder (für die vielen kleinen
Gewerbetreibenden) stieg und diverse Kreuzrahmenformen wurden wiederbelebt.
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Mann mit All-weather-Rad nach misslungenem Abstiegsversuch (Katholieke Illustratie, 1939) |
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Die
Wiederentdeckung des Tandemfahrens und das wachsende Interesse für den Rennsport und
damit für sportlichere Räder waren dagegen eher generelle Trends, die weniger mit der
wirtschaftlichen Situation zu tun hatten. Bei Sport- und Rennrädern orientierte sich die
niederländische Fahrradindustrie wiederum am englischen Vorbild, teilweise aber auch an
Belgien, das mit seinem Fahrradbau mehr von Frankreich beeinflusst war. Einen
ausgeprägten Fahrradtourismus wie in England, Frankreich und z. T. auch Deutschland gab
es in Holland jedoch so nicht. Die Radwegeinfrastruktur war zwar vorhanden, das Fahrrad
wurde jedoch in breiten Bevölkerungskreisen eher als reines ‚Nutzfahrzeug‘ und
nicht als Mittel für Ausflüge oder sportliche Betätigung gesehen. Die Verbreitung
sportlicher Räder war denn auch sehr gering.
Die in Deutschland nach 1930 umfangreiche Verbreitung von 26“-Fahrrädern mit Vollballonbereifung ging an Holland fast spurlos vorbei, wenngleich einige Hersteller Ende der 1930er-Jahre Herrenräder mit dieser Bereifung zum Gebrauch in ländlichen Gegenden mit schlechten Straßen anboten. Das althergebrachte Tourenrad mit 1½“ breiten Reifen war und blieb der eindeutig vorherrschende Fahrradtyp, daran sollte sich bis in die 1950er-Jahre nichts ändern. Wenn es durch die Bewegungen im Fahrradangebot der 1930er-Jahre so etwas wie einen Ansatz für einen grundsätzlichen Wandel gegeben haben sollte, so wurde dieser mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Holland im Mai 1940 zunächst erstickt.
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Last update: 12.06.04